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[Review] PIAS feierte 30. Jubliäum mit der ersten PIAS Nite in Berlin

16. Dezember 2012

PIAS Nite 2012
13. Dezember 2012 – Berlin, Postbahnhof

Grafik: PIAS Germany

Grafik: PIAS Germany

Um ihr 30jähriges Bestehen zu feiern, hatte der deutsche Ableger der international als Plattenfirma und -vertrieb agierenden Play It Again Sam Recordings an diesem kalten Dezemberabend zur ersten PIAS Nite in Deutschland eingeladen. Der Weg zum Postbahnhof gestaltet sich in Anbetracht von Schnee und Eis dann auch als abenteuerlich-rutschig, aber it’s a long way to the top if you wanna rock’n’roll. Und als Lohn für den Mut winkt am Einlass ein frischer Label-Sampler und ein Beutelchen eines bekannten Musik-Streaming-Anbieters, der sich als Sponsor an diesem Abend angenehm zurückhält. Im Fokus steht die Musik auf der Bühne, oder besser: auf den Bühnen, denn der Postbahnhof erlaubt mit seinen zwei Sälen ein lückenloses Programm, abwechselnd im kleinen und großen Saal.

Dem Neuzugang im Hause PIAS, Nicolas Sturm, ist es vergönnt den Abend zu eröffnen. Sein selbstbetiteltes, im Sommer erschienenes Debüt bringt er mit seinem Mitmusiker Jeremy Dhôme auf die Bühne, der dank Percussion und Keyboard als „Das Klingen Ensemble“ auf dem Konzertplakat prangt. In einer halben Stunde gelingt es ihm, Neugier auf mehr zu machen, auch wenn er wegen des Zeitdrucks nicht sehr gesprächig ist. Zum Glück verliert Lisa Hannigan direkt im Anschluss auf der großen Bühne ein paar Worte mehr. Es wäre zu schade, wenn zwischen ihren Liedern nicht auch ihre schöne, ruhige und warme Erzähl-Stimme erklingen würde. Während sie in ihren Kleinod-artigen Liedern die höchsten Höhen erklimmt, wirken ihre tiefen Worte gleichzeitig schüchtern und bestimmt. Ganz eigenartig. Ganz bezaubernd. Leider muss sie in dem großen, nur luftig gefüllten Saal gegen einen ärgerlich hohen Lautstärkepegel anspielen. Die wärmenden Scheinwerfer über dem Publikumsraum sorgen zusätzlich dafür, dass der Eindruck entsteht, hier passen ein paar Sachen nicht zusammen. Und das obwohl die junge Irin auf Mandoline, Gitarre und Ukulele brilliert.

Andy Burrows darf dann wieder auf der kleinen Bühne spielen. Mit voller Band-Besetzung ist er das entscheidende Stück lauter, um das Geschwatze zu übertönen und die Menge passt sich gut in den kleinen Saal ein. Die manchmal etwas beliebigen Songs des ehemaligen Razorlight-Drummers, der längst als Front-Mann agiert, verbreiten mit Glockenspiel und der Lichterkette mal mehr, mal weniger absichtlich Weihnachtsstimmung. Und den Schlusspunkt setzt tatsächlich überraschend eine A Cappella Version von White Christmas. Gelungen! Aber schnell rüber in den großen Saal, denn scheinbar wollen die meisten hier heute Abend Gisbert zu Knyphausen sehen. So voll wie bei seinem Auftritt ist es zumindest zu keinem anderen Zeitpunkt. Und es gelingt ihm unter nicht ganz einfachen Bedingungen abzuliefern. Frau Himmelblau bittet zum Tanz als Opener, anfangs noch freundliche Kommentare zu den Songwünschen, aber als die krähende Gruppe vor der Bühne nicht aufhören will, den „Cowboy, Cowboy!“ zu fordern, geht Band und umstehendem Publikum zusehends die Geduld aus. Starker, tieftrauriger Moment: Seltsames Licht. In dem Titel besingt der Liedermacher einen Abschied für immer. Der Applaus, der nach den ersten Akkorden von Kid Kopphausens Das Leichteste der Welt im Anschluss aufkommt, zeigt, dass nicht nur auf der Bühne an den kürzlich verstorbenen Nils Koppruch gedacht wird. „Ich lerne langsam wieder laufen und sprechen“ – das Bild passt, nachdem die Pläne der neu gegründeten Band so jäh zunichte gemacht wurden.

Nach so viel Emotionalität sorgt Ghostpoet für einen Bruch. Der britische Rapper ist ohnehin Exot im akustikgitarrengeprägten Line-Up. Auf die Fragen zur Begrüßung erhält er kaum eine Antwort, aber nach und nach bringt er den kleinen Saal zum Tanzen. Dennoch zieht es ein beträchtlicher Teil vor zu gehen. Offenbar handelt es sich dabei, um die Gisbert-Fans, die mit dem Namen I Am Kloot nichts anfangen können. Der große Saal ist nach dem HipHop-Intermezzo wieder deutlich luftiger gefüllt, als die drei Briten mit Unterstützung ihres Trompete spielenden Lead-Gitarristen und Keyboarders nach elf die Bühne betreten. Doch die lassen sich davon überhaupt nicht stören. Der seit Sky At Night (2010) völlig ergraute Sänger John Bramwell grinst, als sei das Bier in seiner Hand nicht das erste an diesem Abend. Und doch klingt alles, was in der folgenden Stunde geschieht, unzerstörbar schön. Northern Skies gleich zu Beginn deutet an, dass das Album eine große Rolle im Set spielt, Natural History (2001) wird ebenfalls gebührend gewürdigt. Ihrem Label widmen sie To You und ein Happy Birthday, nicht ohne darüber zu witzeln, dass sich die meisten im Publikum wahrscheinlich wundern, wer dieser PIAS ist. „PIAS helps us doing things“ – na wenn das nicht einleuchtet.

Zum Beispiel ist die Schmiede nicht ganz unbeteiligt daran, dass das Trio aus Manchester im Januar sein sechstes Album Let It All In herausbringt. Drei Stücke gibt es zu hören, darunter den Albumopener Bullets, der ein solides Bluesrock-Stück zu werden scheint. Die neue Single Hold Back The Night unterscheidet sich live deutlich von der Studio-Version. Das Stück wirkt auch auf der Bühne episch, mächtig und dramatisch. Die Streicher-Böden werden aber nicht ersetzt, stattdessen zersägt ein langes Gitarren-Solo den Song und macht ihn zu einem wahren Highlight. I Am Kloot setzen dem ausgesprochen starken Line-Up wirklich die Krone auf. Allerdings wünscht man zukünftigen PIAS Nites in Deutschland ein stilleres, neugierigeres und auch zahlreicheres Publikum. Und vielleicht auch einen Termin, der nicht drei extrem starke Konkurrenzveranstaltungen (Glen Hansard, Ben Howard und NAGEL) in der Stadt bereithält. In diesem Sinne: Viel Erfolg, Mut und Kraft für die nächsten 30 Jahre, liebe PIAS!

Weitere Berichte findet ihr bei intro.de und musikexpress.de.

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