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[Interview] Paula & Karol – Wie ein großes Kollektiv

23. Februar 2012
von
Paula & Karol sind von links nach rechts: Szymon, Christoph, Paula, Karol, Krzysiek und Staszek (Foto: Anna Rowinska)

Paula & Karol sind von links nach rechts: Szymon, Christoph, Paula, Karol, Krzysiek und Staszek (Foto: Anna Rowinska)

Es wird gerade verdammt ungemütlich vor der Tür des Schokoladens, als Paula & Karol gerade den Soundcheck beenden. Anfang Januar – und trotz des scheußlichen Regenwetters wartet eine Stunde vor Einlass schon eine kleine Menschentraube vor dem Eingang. Ich bin froh reingelassen zu werden und treffe auf super gelaunte junge Menschen, die sich nach dem Konzert wie Schneekönige über ihr erstes ausverkauftes Konzert außerhalb Polens freuen werden. Es läuft gut für die mittlerweile sechsköpfige Band. Wir unterhalten uns auf Deutsch, Englisch, Polnisch und einigen uns für das Interview, in dem wir über den ungewöhnlichen Bandnamen für sechs Leute, über das neue Album und die schlicht atemberaubenden anstehenden Live-Termine sprechen, auf Englisch:

Für diejenigen, die euch noch nicht kennen: Bitte stellt euch vor und beschreibt die Musik, die ihr spielt!

Paula: Ich bin Paula – und ich spiele Pop.
Karol: Ich bin Karol – und ich schreibe Pop.
Christoph: Ich bin Christoph und ich drumme Pop.
Staszek: Ich bin Staszek und ich drumme Rock.
Karol: Genau, da kommt der Mix her!

Ihr seid eigentlich zu sechst, heißt aber Paula & Karol. Wer ist nun die Band? Wer schreibt die Musik und wer macht die Arrangements?

Paula: Karol und ich schreiben die Musik und die Texte. Aber die Live-Arrangements machen wir mit den Jungs im Proberaum. Die Arrangements für das neue Album, das im März rauskommt, sind alle dort entstanden.
Christoph: 9 von den neuen Songs wurden von uns sechs arrangiert.
Paula: Genau, vier sind rein akustische Stücke.
Karol: Deine Frage berührt ein ziemlich sensibles Thema. Ich habe schon einige Bands daran zerbrechen sehen, wie sie diskutiert haben, wer in der Band im Mittelpunkt steht. Aber für mich ist es wichtig, dass man sieht, wer die Musik geschrieben hat, deshalb finde ich den Bandnamen Paula & Karol gut, auch wenn wir zu sechst sind.
Wenn du zu Hause sitzt, Musik schreibst und diese Lieder dann Leuten vorspielst, ist das ein schwieriger Prozess. Weil man Vorstellungen davon hat, was man da singt, welche Worte man wählt und wie das Ganze am Ende klingen soll. Das ist für mich schwierig. Für Paula vielleicht weniger.
Paula: Ja, für mich weniger. (grinst) Wir denken darüber nach etwas an den Bandnamen anzuhängen wie „… und The Most Incredible Band Of All Times“ oder „Four Very Handsome Boys“!
Staszek: Als ich zur Band dazugestoßen bin, war es klar, dass die beiden das meiste der Musik schreiben würden. Unsere Rolle ist es, auf das bestehende Gerüst aufzubauen.
Paula: Ja, wie ein Skelett, das dann vom Fleisch bedeckt ist.
Staszek: Genau, wir kümmern uns um das Fleisch. (lachen)
Karol: Seit wir eine richtige Band geworden sind, passiert es auch, dass wir zu sechst anfangen, Lieder zu schreiben, wenn wir jammen. Staszek spielt etwas auf den Drums und dann hat mancher vielleicht schon vorher einen Part im Kopf. Und so machen wir dann ein Lied draus.

Wie habt ihr sechs euch gefunden?

Foto: Wiesz O Co Chodzi

Foto: Wiesz O Co Chodzi

Paula: Karol und ich, wir haben uns getroffen, weil er nach jemandem gesucht hat, der Backing Vocals bei seinem Solo-Projekt beisteuern könnte. Aber irgendwie hat das so nicht funktioniert und wir haben angefangen zusammen zu singen und Musik zu machen. Auf dem ersten Album sind vier oder fünf Lieder, die Karol schon vorher geschrieben hatte. Und wir haben einfach weiter geschrieben.
Es gab im Laufe der Zeit noch mehr Bandmitglieder, die die Band verlassen haben. Zwei, um genau zu sein. Das waren und sind alles Freunde aus Warschau. Und dann kam Staszek dazu – es ist aber eine wirklich lange und komplizierte Geschichte.
Staszek: Ich bin damals an den Drums eingesprungen und schließlich brauchten wir Ersatz am Bass. So kam Krzysiek dazu. Paula hat alles ausführlich im Booklet des ersten Albums aufgeschrieben. Das ist eine wahre Geschichte.

Aber ihr hattet nie den Plan, dass es eine sechsköpfige Gruppe werden müsste.

Karol: Nein, am Anfang fanden wir die Idee gut, einfach immer viele Leute auf verschiedenen Instrumenten dabeizuhaben. Das wollten wir schon immer so. Ich denke, dass Paula und ich uns darum kümmern, welche Stimmung bei Aufnahmen im Vordergrund steht und welche Instrumente wir dafür einsetzen möchten. Und dann sind da viele Freunde und viele tolle Musiker, die kommen und mitmachen, kommen und gehen, wie es ihnen und uns gefällt. Wir wollten es immer wie eine offene Gruppe gestalten, bei der Leute sich eingeladen fühlen können, mitzumachen und sich wohlzufühlen.
Christoph: Wie ein Kollektiv.
Karol: Genau!
Paula: Wie Broken Social Scene. (lacht)

Und du wirst die Leslie Feist?

Paula: Das wäre ein Traum!
Christoph: Und Szymon und ich haben eine eigene Band, Eric Shoves Them In His Pockets. Wir haben Paula und Karol auf einem kleinen Warschauer Festival kennengelernt. Wir haben uns sehr schnell angefreundet und angefangen zusammen zu jammen. Schließlich haben sie uns gefragt, ob wir mitkommen wollen auf Tour. Staszek wollte zu Hause bei seinem neu geborenen Sohn bleiben, also habe ich die Drums gespielt und Szymon kam mit der Gitarre dazu. Und nun haben wir ein neues Line-Up mit eineinhalb Drum-Sets, Staszek ist der eigentliche Drummer und ich singe und spiele Percussions.

Arcade Fire Style.

Alle: Yeah!
Christoph: Und dazu kommt, dass wir uns teilweise an den Instrumenten abwechseln, wenn wir Lust dazu haben oder es mal nötig ist, wirklich wie ein großes Kollektiv.
Staszek: Wie eine Familie. Du verbringst nicht die ganze Zeit mit deiner ganzen Familie, aber von Zeit zu Zeit, an Feiertagen zum Beispiel, kommen alle zusammen und dann ist die ganze Familie vereint.
Karol: Und wenn Mom grad nicht kochen kann, dann macht das eben Dad!

Paula, du bist Kanadierin. Wie bist du nach Polen gekommen?

Paula: Meine Eltern waren nach Kanada ausgewandert und wir sind nach Polen zurückgegangen, als ich 5 war. Mit 10 bin ich dann zurück nach Kanada und bald wieder zurück nach Polen. Ich bin immer wieder hin und her, deshalb spreche ich auch Polnisch und bin polnische Staatsbürgerin. Seit sieben Jahren bin ich nun in Warschau.

Habt ihr jemals darüber nachgedacht, in Polnisch zu singen?

Karol: Wir denken eigentlich nur darüber nach, weil wir dauernd danach gefragt werden. Wir hatten nie den Drang auf Polnisch zu singen. Als wir zusammen angefangen haben, Songs zu schreiben, haben wir das in Englisch getan. Wenn wir sprechen, ist es mal auf Englisch, mal auf Polnisch, aber Schreiben eigentlich immer auf Englisch. Die Frage stellte sich eigentlich nie.
Christoph: Aber Karol hat noch eine Band, wo er polnisch singt.
Karol: Ja, ich habe ein paar Songs auf Polnisch geschrieben, mit denen ich zufrieden bin, aber es ist nicht gerade einfach. Für mich ist es irgendwie natürlich, in Englisch zu schreiben.

Ihr wisst wahrscheinlich, dass Musik aus Polen nicht gerade im Fokus der Hörer in Deutschland ist. Aber ich suche immer nach Empfehlungen, also gebt mir bitte ein paar Tipps.

Paula: Pustki!
Christoph: Sie singen auf Polnisch. Die spielen auch auf dem SXSW.
Karol: Kasia Nosowska ist eine bekannte Sängerin in Polen. Sie spielt in der Band Hey. Solo macht sie Alternative Rock.
Christoph:: Auf unserem Label, Lado ABC aus Warschau, findest du zum Beispiel eine Auswahl von sehr interessanten Musikern aus Polen. Jazz, Noise, Experimental, alles mögliche.
Karol: Polnische Rockmusik hat auch eine lange Geschichte. Republika oder Kult zum Beispiel. Aber kaum jemand von denen hat viel im Ausland gespielt. Nur Metal-Bands.
Staszek: Für uns ist es mit den englischen Texten viel einfacher im Ausland zu spielen. Das versteht man überall.

Zu zweit bei einem Auftritt in Sopot 2010 (Foto: flickr / Michal Jaskolski / CC-by-nc-sa)

Zu zweit bei einem Auftritt in Sopot 2010 (Foto: flickr / Michal Jaskolski / CC-by-nc-sa)

Und ihr habt schon viel im Ausland gespielt. Es ist ziemlich verrückt: Ihr werdet im März auf dem South By South West spielen.

Alle: Yeah!
Paula: Ja, wir haben in LA gespielt, in Island, in der Ukraine, da werden wir wohl bald wieder sein. In Kanada waren wir auch. England, Frankreich, Belgien, insbesondere im letzten Jahr haben wir da viel gemacht.
Karol: Wir waren von Anfang an sehr offen gegenüber allen Einladungen, die aus dem Ausland kamen. Wir haben jetzt nicht speziell darauf abgezielt, bestimmte Dinge für den polnischen Markt und andere für den Export zu machen. Wir möchten einfach die Musik spielen, die wir mögen und wenn wir damit im Ausland touren können – super!

Ihr habt eine EP und ein Album aufgenommen. Wie weit seid ihr mit dem zweiten Album?

Paula: Für die Tour haben wir eine Pause von den Aufnahmen eingelegt, aber wir haben bereits im Dezember aufgenommen und damit geht’s auch weiter, wenn die Tour vorbei ist. Wir hoffen, dass der Mix und die Produktion im März beendet sein werden. Bis auf manche Lyrics sind die Songs fertig. Bei den Konzerten in Deutschland spielen wir schon ein paar Lieder vom neuen Album.

Inwiefern wird sich das zweite Album vom ersten unterscheiden?

Christoph: Auf dem Album gibt es für mich eine größere Bandbreite. Ich weiß nicht, ob es das richtige Wort ist, aber für mich ist das Album trauriger, tiefer. Ich mag, wie der Guardian uns beschrieben hat: Wir seien eine Band, die dir das Herz erst bricht, bevor sie es neu zusammensetzt. Auf dem ersten Album geschah das innerhalb eines Songs. Und jetzt bricht dir ein Lied das Herz und erst das nächste setzt es wieder zusammen. Du wirst also das ganze Album hören müssen, um nicht mit gebrochenem Herzen zurückzubleiben (alle lachen).
Paula: Und die Jungs haben wie gesagt den Sound der Band sehr verändert. Es gibt mehr Drums – ich habe immer gesagt: einfach mehr „boom on the demo tape“! Und die E-Gitarre hat auch vieles verändert. Jetzt übernimmt Szymon manchmal sogar die Hauptmelodien der Songs.
Karol: Auf dem letzten Album hatte Rafal Rogiński, ein toller Gitarrist, die Passagen auf der E-Gitarre eingespielt. Man hört seinen Stil. Und jetzt spielt Szymon das ein. Es ist also nicht Resultat eines Features, sondern der tatsächliche Paula & Karol Sound. Das ist super. Ich vergleiche Szymon immer mit Mark Knopfler von den Dire Straits. Weil der mit Fingern spielt und einen sehr natürlichen Gitarrensound hat, was mir sehr gut gefällt.

Letzte Frage: Wird das zweite Album offiziell in Deutschland veröffentlicht?

Paula: Wir wünschen uns das sehr. Vielleicht liest das ja jemand in deinem Blog. Wir brauchen einfach einen Vertrieb. Das ist der Stein, der für die VÖ in Deutschland fehlt. Den haben wir nicht. Aber wir wollen es sehr gerne. Ob’s klappt, werden wir sehen. Aber wir werden in diesem Jahr definitiv noch in Deutschland spielen, auf Festivals im Sommer und im Herbst.
Karol: Das wäre wirklich super, wenn wir das Album hier veröffentlichen könnten. Wenn wir mehr und mehr hier spielen und hoffentlich stetig mehr Menschen auf uns aufmerksam werden, dann wird es hoffentlich klappen.

Viel Erfolg dabei und vielen Dank für das Interview!

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